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rethinking insurance

Auswirkungen des abgesenkten Höchstrechnungszinses auf die Produktentwicklung

Von Christian Weber / 17. Februar 2020
Absenkung des Höchstrechnungszinses

Angesichts der andauernden Niedrigzinsphase wird in der deutschen Versicherungsbranche erwartet, dass

bei Versicherungsverträgen mit Zinsgarantie … der Höchstzinssatz für die Berechnung der Deckungsrückstellungen

weiter abgesenkt wird. Die Deutsche Aktuarvereinigung schlägt eine Absenkung von derzeit 0,9 Prozent auf 0,5 Prozent zum 01.01.2021 vor. Im Folgenden wollen wir uns mit den Auswirkungen der erwarteten Absenkung beschäftigen – insbesondere mit den Auswirkungen auf die Produktentwicklung in der Lebensversicherung.

Eine Absenkung des Höchstrechnungszinses ist als Reaktion auf die Entwicklung der Zinssätze auf den Finanzmärkten zu sehen. Wir wollen uns hier aber nicht mit der Frage nach der Ermittlung bzw. Festsetzung des Höchstrechnungszinses beschäftigen. Vielmehr sind wir an den Auswirkungen auf die Produktgestaltung in der Lebensversicherung interessiert.

Beginnen wir mit einem Blick zurück und betrachten die Entwicklung des Höchstrechnungszinses. Seit dem Höchststand von 4 Prozent wurde der Höchstrechnungszins schrittweise auf 0,9 Prozent abgesenkt. In Abbildung 1 ist die Entwicklung des Höchstrechnungszinses der Null-Kupon-Euro-Swapkurve (10 Jahre), auf der der Referenzzins für die Zinszusatzreserve beruht, gegenübergestellt.

Auswirkungen des abgesenkten Höchstrechnungszinses auf klassische Versicherungsprodukte

Spätestens mit der Absenkung auf 1,25 Prozent war es erforderlich, übliche klassische Produkte auf den Prüfstand zu stellen und in bestimmten Situationen geeignet zu adaptieren. Woher kommt das? Wie wirkt sich ein abgesenkter Höchstrechnungszins auf klassische Versicherungsprodukte aus?

Nehmen wir eine gemischte Versicherung. Geben wir eine garantierte Leistung L vor und bestimmen unter Verwendung der Rechnungsgrundlagen Sterbetafel, Rechnungszins und Kosten die erforderlichen Beiträge entsprechend dem Äquivalenzprinzip. Dann erhöht eine Absenkung des verwendeten Zinses ceteris paribus die erforderlichen Beiträge – mit der Beitragssumme BS ist BS / L eine monoton fallende Funktion des Rechnungszinses. Und weil in klassischen Produkten üblicherweise als Rechnungszins der Höchstrechnungszins verwendet wird, bedeutet letztendlich eine Absenkung des Höchstrechnungszins einen größeren Wert für BS / L – mehr Beiträge für die gleiche garantierte Leistung.

Man kann hier einwenden, dass die im Vertragsverlauf zugeteilten Überschüsse nicht berücksichtigt werden und die ausgezahlte Leistung deshalb in aller Regel substantiell höher als die garantierte Leistung L ist. Zwar hängt BS / L vom Höchstrechnungszins ab – die ausgezahlte Leistung ist aber nicht vom Höchstrechnungszins sondern vielmehr von den real erzielten Veranlagungsergebnissen abhängig – von Veranlagungsergebnissen, die über den gesamten Vertragsverlauf erzielt werden.

Aber vor Abschluss eines Vertrages – bei unbekannten zukünftigen Veranlagungsergebnissen und insbesondere auch unbekannten zukünftigen Überschussdeklarationen – werden oft garantierte Leistung und Beiträge gegenübergestellt. Dabei wird traditionell als Mindestforderung die Beitragsgarantie gesehen, dass also die Beiträge niedriger als die garantierte Leistung sind, BS < L oder BS / L <  1. Manchmal wird auch polemisch angemerkt, dass es ansonsten besser wäre, die Beiträge unter dem Kopfkissen anzusammeln.

Es ist aber nicht möglich, bei beliebig kleinem Rechnungszins die Beitragsgarantie zu erreichen. Betrachten wir zur Illustration einen Extremfall und setzen den Rechnungszins gleich 0 – ein Zinssatz = 0 wurde zumindest bis vor wenigen Jahren als Grenzfall angesehen. Dann gibt es keine kalkulatorischen Zinserträge, es werden aber sehr wohl Risikobeiträge und Kosten entnommen. Damit ist klar, dass in diesem Fall die garantierte Leistung unterhalb der Summe der Beiträge liegt, es ist BS / L > 1. Erst ab einem bestimmten Niveau des Rechnungszinses gilt BS / L < 1. Wie hoch der Rechnungszins dafür sein muss, hängt von der verwendeten Sterbetafel und den einkalkulierten Kosten ab.

Was heißt das für die Beitragsgarantie?

Wie können nun klassische Produkte bei einer Absenkung des Höchstrechnungszinses angepasst werden? Dabei war in den letzten Jahren der Fokus auf die Beitragsgarantie gerichtet. Welche Anpassungen können zur Beibehaltung der Beitragsgarantie beitragen?

Ein Ansatzpunkt sind die Kosten. Zum einen wird versucht die Kosten abzusenken – soweit als möglich, zum anderen werden dauerabhängige Kosten eingeführt, weil kurzlaufende Verträge oder Vertragsbausteine insbesondere betroffen sind.

Ein anderer Ansatzpunkt ist die Verwendung eines kalkulatorischen Rechnungszinses, der höher als der Höchstrechnungszins ist. Da für die Deckungsrückstellung nach HGB aber höchstens der Höchstrechnungszins verwendet werden darf, entsteht mit dem Vertragsabschluss ein Auffüllungsbedarf. Der Auffüllungsbedarf kann dann durch vertragsindividuelle Refinanzierung wieder dem Vertrag angerechnet werden.

Noch ein anderer Ansatzpunkt besteht in Modifikationen im Bereich der Garantie, insbesondere ein Abrücken von jährlicher Garantie hin zur Garantie von Ablaufleistungen – endfällige Garantie, auch unter Einbeziehung von Überschüssen.

Oder auch eine abgesenkte Garantie BS / L < k mit gegebenem k > 1, das heißt, der Anteil der Beiträge ist niedriger als die garantierte Leistung, 1/k * BS < L . Zunächst wurden abgesenkte Garantien bei Hybridprodukten oder im Zusammenhang mit endfälliger Garantie und erhöhten Überschüssen angeboten.

Angesichts des nun in Aussicht gestellten Höchstrechnungszinses von 0,5 Prozent ist auch die gesetzlich verankerte Beitragsgarantie bei Riesterrenten nicht mehr zu halten. Der GDV hat eine Garantie von 80% der Beiträge, 0,8 * BS < L oder BS / L < 1/0,8, vorgeschlagen.

Fazit

Klarerweise führen die Absenkungen des Höchstrechnungszinses dazu, dass klassische Lebensversicherungsprodukte unter Druck kommen. Auch die angeführten Anpassungen im Produktbereich verlieren ihre Wirkung bei einem Höchstrechnungszins von 0,5 Prozent. Deshalb erscheint es angebracht, ein Umdenken zu erwägen und andere Produktklassen verstärkt in den Fokus zu rücken.

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